Intervallfasten mit Antidepressiva: was du wissen musst
Kurze Antwort: Die meisten SSRI und SNRI vertragen sich mit Intervallfasten, manchen wird auf leeren Magen aber übel. Trizyklische Antidepressiva und Stimmungsstabilisierer wie Lithium brauchen in der Regel Essen und mehr Planung. Fasten wirkt außerdem selbst auf die Stimmung — in beide Richtungen —, und das macht die Sache komplizierter.
⚕️ Medizinischer Hinweis: Dieser Artikel dient nur der Information und ist keine medizinische Beratung. Ändere Zeitpunkt oder Dosis deines Antidepressivums nicht ohne Rücksprache mit der Ärztin oder dem Arzt, die es verschrieben haben.
Wo Medikamente für die Psyche und Fasten sich treffen
Antidepressiva gehören weltweit zu den am häufigsten verschriebenen Medikamenten. Wenn du eines nimmst und über Intervallfasten nachdenkst, stellst du eine berechtigte und wichtige Frage, die eine echte Antwort verdient — nicht dreimal hintereinander "frag deinen Arzt".
Die Lage: Fasten verträgt sich mit den meisten Klassen von Antidepressiva, aber die Einzelheiten zählen. Die Wirkstoffklasse, wie gut dein Magen-Darm-Trakt es verträgt und wie das Fasten auf deine Stimmung wirkt, spielen alle mit hinein.
SSRI und SNRI beim Fasten
Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sind die am häufigsten verschriebenen Antidepressiva. Gängige Wirkstoffe sind:
- Sertralin (Zoloft)
- Fluoxetin (Prozac)
- Escitalopram (Lexapro)
- Paroxetin (Paxil)
- Citalopram (Celexa)
Zu den SNRI gehören Venlafaxin (Effexor), Duloxetin (Cymbalta) und Desvenlafaxin (Pristiq).
Die meisten SSRI und SNRI brauchen für die Aufnahme streng genommen kein Essen. Sie sind aber dafür bekannt, Übelkeit auszulösen, besonders am Anfang oder auf leeren Magen. Essen mildert diese Nebenwirkung deutlich.
Für die Praxis:
- Wenn du dein SSRI seit Jahren nimmst und es morgens ohne Probleme verträgst, kannst du das im Fastenfenster wahrscheinlich so lassen
- Wenn dir übel wird, verschieb die Dosis an den Anfang deines Essensfensters (auf deine erste Mahlzeit)
- Besonders Duloxetin (Cymbalta) macht häufiger Magen-Darm-Beschwerden und wird oft besser mit Essen vertragen
Trizyklische Antidepressiva (TZA)
Ältere Antidepressiva wie Amitriptylin, Nortriptylin, Imipramin und Desipramin werden weiter verschrieben, bei Depression, chronischen Schmerzen und Schlafstörungen.
TZA sollten in der Regel mit Essen genommen werden. Sie belasten den Magen auf leeren Magen stärker als SSRI, und viele machen müde (sie werden oft zur Nacht genommen, wenn das Essensfenster längst zu ist).
Empfehlung: Nimm TZA zur letzten Mahlzeit des Tages, wenn du sie abends nimmst, oder mit Essen zum passenden Zeitpunkt in deinem Essensfenster.
MAO-Hemmer
MAO-Hemmer (Phenelzin, Tranylcypromin, Selegilin) werden heute wegen ihrer starken Wechselwirkungen mit Lebensmitteln nur noch selten verschrieben, besonders mit tyraminhaltigem Essen. Wenn du einen MAO-Hemmer nimmst, sind deine Essensvorgaben ohnehin eng mit deinem Arzt abgestimmt, und Fasten legt eine Ebene darüber, die ärztliche Begleitung braucht.
Fasten und MAO-Hemmer: ohne enge ärztliche Aufsicht nicht empfohlen. Fastenbedingte Veränderungen im Darmstoffwechsel treffen hier auf die Essensvorgaben der MAO-Hemmer, und das ergibt eine komplizierte Lage.
Stimmungsstabilisierer
Lithium ist ein Sonderfall. Es braucht stabilen Wasserhaushalt, gleichbleibende Natriumzufuhr und Essen, damit es nicht toxisch wird. Lithium hat ein enges therapeutisches Fenster — eine kleine Änderung im Blutspiegel kann den Unterschied zwischen Wirkung und Vergiftung ausmachen.
Fasten verändert den Wasserhaushalt und die Natriumzufuhr. Wenn du Lithium nimmst, fang nicht mit Intervallfasten an, ohne es mit deiner Psychiaterin oder deinem Psychiater zu besprechen. Das ist eine feste Empfehlung, keine Absicherung.
Valproat (Depakote) sollte ebenfalls mit Essen genommen werden, damit der Magen es besser verträgt, und lässt sich in einem festen Essrhythmus meist besser handhaben.
Lamotrigin (Lamictal) ist in der Regel flexibler und lässt sich oft mit oder ohne Essen nehmen.
Wie das Fasten selbst auf die Stimmung wirkt
Neben dem Zeitpunkt der Einnahme steht die Frage, was Fasten unabhängig vom Medikament mit deinem Kopf macht.
Mögliche positive Wirkungen:
- Weniger Entzündung (ein Faktor bei manchen Formen der Depression)
- Bessere Insulinsensitivität (steht mit der Stimmungsregulation in Verbindung)
- Mehr BDNF (Brain-derived neurotrophic factor), das im Tiermodell antidepressiv wirkt
- Ketone bei längerem Fasten könnten die Stimmung stabilisieren
Mögliche negative Wirkungen:
- Gereiztheit durch Hunger kann sich anfühlen wie zunehmende Angst oder eine instabile Stimmung
- Unterzucker (besonders in der frühen Gewöhnungsphase) kann Angst, Zittern und gedrückte Stimmung auslösen
- Schlechter Schlaf durch das Fasten kann depressive Symptome verschlimmern
- Kalorienreduktion bei Untergewicht oder Mangelernährung ist eine Gegenanzeige
Die Forschung deutet darauf hin, dass 16:8 Intervallfasten bei stoffwechselgesunden Erwachsenen die Stimmung nicht verschlechtert und sie mit der Zeit sogar bessern kann. Studien speziell an Menschen, die Antidepressiva nehmen, gibt es aber kaum. Mehr dazu unter Fasten und Stresshormone und Fasten und Angst.
Das Problem der ersten zwei Wochen
Die Gewöhnungsphase (meist die ersten 1–2 Wochen) bringt echte körperliche Umstellungen mit sich: Verschiebungen im Blutzucker, Änderungen im Cortisolverlauf und Schwankungen bei den Elektrolyten. Das kann Stimmung oder Angst vorübergehend verschlechtern, auch bei Menschen ohne Antidepressiva.
Wenn du mit dem Fasten anfängst und ein Antidepressivum nimmst, denk daran: Anfängliche Gereiztheit oder wenig Energie können zur Gewöhnung gehören und sind kein Zeichen dafür, dass deine psychische Gesundheit kippt. Gib dem Ganzen 2 Wochen, bevor du Schlüsse ziehst — und beobachte dich dabei ehrlich.
Lies, wie du die Gewöhnungsphase beim Fasten meisterst, und stütz dich in dieser Zeit mit passenden Elektrolyten.
Empfehlungen für die Praxis
Für SSRI/SNRI:
- Nimm sie am Anfang deines Essensfensters, wenn Übelkeit ein Thema ist
- Wenn du dein SSRI seit Jahren problemlos auf leeren Magen verträgst, kannst du das wahrscheinlich beibehalten
Für TZA:
- Mit Essen nehmen, am besten zur letzten Mahlzeit, wenn es eine Abenddosis ist
Für Lithium:
- Faste nicht ohne ausdrückliche Anleitung deiner Psychiaterin oder deines Psychiaters
Für Stimmungsstabilisierer (Valproat, Lamotrigin):
- Valproat: mit Essen in deinem Essensfenster nehmen
- Lamotrigin: meist flexibel, sprich es trotzdem mit deinem Arzt ab
Allgemein:
- Sag der Praxis, die dir das Medikament verschreibt, dass du mit Intervallfasten anfängst
- Beobachte deine Stimmung in den ersten Wochen — achte auf Muster
- Verwechsle Gewöhnungssymptome (Gereiztheit, Müdigkeit) nicht mit einem Versagen des Medikaments
Wann du das Fasten pausieren solltest
Pausier das Intervallfasten oder fang gar nicht erst an, wenn:
- Du in einer akuten depressiven oder manischen Episode bist
- Du erst kürzlich ein neues Antidepressivum begonnen hast und noch nicht eingestellt bist
- Du eine Essstörung in der Vorgeschichte hast (siehe auch Fasten nach einem Essanfall)
- Dein Medikament Essen für die Aufnahme braucht und dein Essensfenster das nicht hergibt (der Leitfaden zu Medikamenten beim Fasten, Wirkstoff für Wirkstoff behandelt die gängigen)
Wissenschaftliche Quellen
- Fond G, et al. "Fasting in mood disorders: neurobiology and effectiveness." Psychiatry Res. 2013;209(3):253–258.
- Harvie MN, et al. "The effects of intermittent or continuous energy restriction on weight loss and metabolic disease risk markers." Int J Obes. 2011;35(5):714–727.
- Lutter M, Nestler EJ. "Homeostatic and hedonic signals interact in the regulation of food intake." J Nutr. 2009;139(3):629–632.
- Guerdjikova AI, et al. "Dietary patterns and mental health." Curr Psychiatry Rep. 2019;21(11):104.
Häufig gestellte Fragen
Kann man SSRI auf leeren Magen nehmen?
Streng genommen ja — SSRI brauchen für die Aufnahme kein Essen. Vielen wird aber übel, besonders am Anfang. Wenn das bei dir so ist, nimm dein SSRI zur ersten Mahlzeit in deinem Essensfenster.
Wirkt mein Antidepressivum durch das Fasten schlechter?
Nicht direkt. Der Wirkmechanismus (die Hemmung der Serotonin-Wiederaufnahme) hängt nicht davon ab, ob du gegessen hast. Schlechter Schlaf oder eine instabile Stimmung durch das Fasten können das Bild aber verkomplizieren. Beobachte deine Stimmung und sprich mit deinem Arzt, wenn dir Veränderungen auffallen.
Ist Fasten bei einer Depression in der Vorgeschichte unbedenklich?
Für die meisten ja — und einiges deutet darauf hin, dass Fasten antidepressiv wirken kann. Wer aber in einer akuten depressiven Episode steckt oder eine Essstörung in der Vorgeschichte hat, sollte vorsichtig herangehen, am besten mit ärztlicher Begleitung.
Gibt es pharmakologische Wechselwirkungen zwischen Intervallfasten und Antidepressiva?
Zwischen Intervallfasten und dem Abbau von SSRI/SNRI sind keine direkten pharmakokinetischen Wechselwirkungen belegt. Es geht vor allem um die Verträglichkeit im Magen-Darm-Trakt und um die eigenen Wirkungen des Fastens auf die Stimmung.